Lebensgeschichten

Lebensgeschichte 01

 


Lebensgeschichte Jürgen Sch.         wohnungslos

Ich selbst bin auch wohnungslos. Allerdings möchte ich mit meiner Geschichte bei den Lesern nicht den Eindruck erwecken, dass ich ein „armer Kerl“ mit einer herzzerreißenden Geschichte bin. Ich wuchs in Solingen in einer „Multi-Kulti-Siedlung“ auf. Mein Umgang war nicht unbedingt der beste, und so stahl ich schon im Alter von neun Jahren die ersten Autoradios. Meine Mutter war Hausfrau und mein Vater war Gesenkschmied. Ich habe noch sechs Geschwister. Wir lebten in recht ärmlichen Verhältnissen. Deshalb bin ich auch wohl in jungen Jahren zum Stehlen gekommen, weil ich Geld brauchte. Für mich war das damals einfach ein Genuss, wenn ich in die Schule ging und von meinem Geld den anderen Kindern ein Brötchen kaufen konnte. So nach dem Motto: Wenn ich schon keine Freunde habe, dann kaufe ich mir eben welche! Woher die Kohle kam, interessierte ja nicht, Hauptsache, ich konnte damit um mich werfen. Der Familienrichter, vor dem ich später stand, erklärte mich für „schwer erziehbar“, und somit kam ich mit 13 Jahren in ein Heim. Mit 18 Jahren verließ ich das Heim. Ich hatte mittlerweile eine Ausbildung zum Bäcker angefangen und ging für einige Tage zurück zu meinen Eltern. Danach zog ich einfach los auf die Straße. Meine Bäckerlehre brach ich ab. Einige Male versuchte ich, wieder sesshaft zu werden, weil „die Erwachsenen“ es von mir erwarteten und mir immer wieder nahelegten, mein Leben doch zu ordnen, aber im Grunde bin ich seit meinem 18.Lebensjahr wohnungslos.
Ich zog von Stadt zu Stadt. Manchmal übernachtete ich in städtischen Einrichtungen/Unterkünften, und manchmal schlief ich eben auch auf der Straße. In meiner Anfangszeit besaß ich kaum etwas. Ich wusste ja nicht einmal, woher man zum Beispiel einen Schlafsack, eine Isomatte oder auch ein Zelt bekommen konnte. Mit der Zeit lernte ich aber, auf der Straße zurechtzukommen und wie und wo man eine „Ausrüstung“ bekommt. Mittlerweile bin ich bei einer Bekannten untergekommen. Eine eigene Wohnung hatte ich nie wirklich, jedenfalls sind alle Versuche in diese Richtung gescheitert. Es ist auch irgendwie eine Sucht, die mich immer wieder auf die Straße treibt. Diese Sucht ist eigentlich kaum zu beschreiben. Man kann es vielleicht mit einem Menschen vergleichen, der immer in einer Wohnung gelebt hat und plötzlich auf der Straße steht und dort auch schlafen muss. So ungewohnt wie das für diesen Menschen ist, ist es für mich, wenn ich mit einem Male in einer Wohnung bin. Man ist es auch nicht gewohnt, mit den damit verbundenen Problemen und Verpflichtungen umzugehen. Selbst der Halt, den man durch eine Wohnung hat, ist ungewohnt. Es hat eher etwas mit dem „Nichtkönnen“ als mit dem „Nichtwollen“ zu tun, wenn jemand auf der Straße bleibt. Wenn ich Sozialarbeiter wäre und zu mir käme jemand, der auf der Straße lebt und Alkoholiker ist, würde ich gar nicht lange mit ihm diskutieren, sondern ihn sofort in eine Wohnung setzen. Ich glaube auch nicht, dass dazu häufig eine Therapie nötig wäre. Dieses ganze Gehabe würde ich weglassen. Vielleicht braucht derjenige ja gar keine Alkoholtherapie, sondern etwas ganz anderes. Ich selbst habe nie Alkoholprobleme gehabt, obwohl der Alkohol einfach zu den Menschen auf der Straße gehört. Alkohol macht das alles erträglicher, lässt vergessen und löst erst einmal „das Problem“. Für meine Zukunft habe ich keine besonderen Wünsche. Zurzeit möchte ich mich einfach weiterhin mit unserer Homepage beschäftigen und diese weiter ausbauen.